Ob und in welchem Umfang du von deiner BDSM-Neigung berichtest, wenn du eine Psychotherapie beginnst, solltest du dir vorher gut überlegen. Wenn das Thema Sexualität und Partnerschaft während einer Therapiesitzung erstmal angesprochen wird, könnte es sonst passieren, dass du unüberlegt etwas davon erzählst. Besser ist es, vorher darüber nachzudenken, wie der Therapeut auf deine Neigung reagieren könnte und wie du dem begegnen kannst. Das erspart dir unliebsame Überraschungen. Du kannst dir vorher zurechtlegen, wie du damit umgehen willst, wenn der Therapeut z.B. das Thema BDSM und deine Sexualität vertiefen möchte oder wenn er darin eine Störung vermutet und das wegtherapieren möchte.

Es geht in diesem Artikel also darum, ob man sich seinem Psychotherapeuten bezüglich der eigenen BDSM-Neigung anvertrauen soll oder lieber nicht. Welche Vor- und welche Nachteile gibt es? Welche Konsequenzen ergeben sich aus einem offenen Umgang mit dem Thema in der Therapie? Wie weit soll man ins Detail gehen? Und mit welchen Reaktionen von Seiten des Therapeuten muss man rechnen?

1. Muss ich meinem Therapeuten von meiner BDSM-Neigung erzählen?

Nein, absolut nicht. Was du in einer Psychotherapie preisgibst und was nicht entscheidest du ganz allein. Es kann jedoch helfen, über BDSM zu reden. Wenn die Neigung einen großen Teil deines Alltags bestimmt und einen großen Stellenwert für dich einnimmt, macht sie auch einen großen Teil deiner Persönlichkeit aus. Und von deiner Persönlichkeit muss sich der Therapeut ein umfassendes Bild machen, um dir bestmöglich helfen zu können.

Leidest du unter deiner Neigung, musst du natürlich mit dem Therapeuten drüber sprechen. Er kann dir nicht bei etwas weiterhelfen, von dem er nichts weiß.

2. Wie sehr muss ich gegenüber dem Therapeuten ins Detail gehen?

So weit du dich damit wohlfühlst. Du entscheidest, wie viel du preisgibst. Wenn du über etwas nicht reden möchtest, sag es deinem Therapeuten. Setz klare Grenzen, worüber du sprechen möchtest und worüber nicht.

Meistens kann dein Therapeut mit BDSM wenig anfangen und hat keine eigenen Erfahrungswerte. Also würde ich nicht zu sehr ins Detail gehen, das könnte er schnell missverstehen. BDSM als sexuelle Spielart wird von den meisten problemlos akzeptiert. D/s oder gar 24/7 ist viel schwieriger zu erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Deshalb würde ich darüber nichts Spezifisches erzählen. Zu groß ist das Risiko in eine Schublade gesteckt zu werden, in die man nicht gehört.

3. Welche Vorteile habe ich, wenn ich BDSM in der Therapie erwähne?

Da BDSM einen mehr oder weniger großen Teil deines Lebens ausmacht, beeinflusst es deinen Alltag und prägt deine Persönlichkeit. Ein Psychotherapeut benötigt für eine erfolgreiche Therapie ein möglichst umfassendes Bild von dir, um dir optimal helfen zu können und dazu gehört auch deine sexuelle Neigung.

Therapeuten sind meist sehr empathisch und erfahren in der Deutung von Mimik und Körpersprache. Spielst du also nicht mit offenen Karten, wird er das wahrscheinlich merken und nachhaken. Das vermeidest du, wenn du von Anfang an aufrichtig bist und berichtest, was dich ausmacht, incl. deiner BDSM-Neigung. Du bist auf mögliche Reaktionen vorbereitet und das hilft dir, damit besser umzugehen. Ein guter Therapeut wird das Thema sehr einfühlsam behandeln. Andere haben damit ein Problem und lehnen die Therapie ab. Besser, das passiert gleich zu Beginn und nicht erst nach zehn oder mehr Therapiestunden.

Zudem besteht die Möglichkeit, dass du BDSM auf eine weniger gesunde Art und Weise auslebst, die dir aber selbst nicht bewusst ist. Wenn der Therapeut von deiner Neigung weiß, kann er sie zu deinen übrigen Verhaltensweisen in Beziehung setzen und vielleicht solche bedenklichen Punkte aufdecken und dir helfen, sie abzustellen.

4. Und welche Nachteile gibt es?

Möglicherweise steckt dich der Therapeut in eine Schublade oder verurteilt dich sogar. Darauf musst du vorbereitet sein und dir überlegen, ob eine Therapie mit dieser Person weiterhin Sinn macht.

Vielleicht lehnt der Therapeut die Weiterführung der Therapie sogar ab. Auch darauf solltest du vorbereitet sein, das verhindert Enttäuschungen. Oder das Verhalten des Therapeuten dir gegenüber verändert sich. Vielleicht ist er reservierter oder ist sogar der Meinung, deine Neigung wegtherapieren zu müssen. Auch in diesem Fall solltest du darüber nachdenken, dir einen anderen Therapeuten zu suchen.

Wie auch immer der Therapeut reagieren mag, es könnte dich tief verunsichern. Dich vielleicht sogar bzgl. deiner Neigung schwanken und zweifeln lassen. Schlimmstenfalls hinterfragst du deine Dominanz oder Submissivität komplett und wendest dich davon ab, lässt dich also von dem Therapeuten manipulieren. Damit das nicht passiert, ist es gut, sich im Vorwege darüber klar zu werden, was bei einem Outing passieren kann.

D/s und 24/7 ist einem Außenstehenden sehr schwer zu erklären. Schnell entsteht ein völlig falsches Bild und du gerätst in Erklärungsnot. Wenn sich dieses Bild erstmal beim Therapeuten festgesetzt hat, ist es schwer, dieses wieder gerade zu rücken. Und wenn er der Meinung ist, dass du indoktriniert bist, unter fremdem Einfluss stehst, könnte er dich für nicht therapierbar erklären und wiederum die Therapie abbrechen.

5. Meine eigenen Erfahrungen mit BDSM und Psychotherapeuten

Ich habe bisher mit mehreren Therapeuten zu tun gehabt und bin in allen Fällen sehr offen mit meiner Neigung umgegangen. Meine Erfahrungen sind sowohl positiv als auch negativ. Ein Therapeut ignorierte es komplett, eine Therapeutin brach die Therapie abrupt ab und schmiss mich raus, weil ich angeblich unter fremdem Einfluss stehe – wer tut das nicht in irgendeiner Form?

6. Mögliche Reaktionen des Therapeuten

  • Abwehr und Distanz
  • Abbruch der Therapie
  • Ignoranz
  • Akzeptanz
  • Verständnis
  • Einstufung als Krankheit

7. Zusammenfassung

Vor Beginn einer Psychotherapie solltest du dir gut überlegen, inwieweit du von deiner BDSM-Neigung berichten möchtest. Beschäftigst du dich nicht vorher mit der Frage, könntest du in der Situation damit überfallen werden und dann unüberlegt reagieren. Du solltest dich auf mögliche Reaktionen des Therapeuten vorbereiten, um entsprechend damit umzugehen. Wäge die Vorteile gegen die Nachteile ab und entscheide dann, wie sehr du in die Tiefe gehen möchtest und ob du es überhaupt erwähnen wirst.

Du weißt jetzt, was du vor der ersten Sitzung mit deinem Therapeuten bedenken musst und kannst dich entsprechend darauf vorbereiten. Du hast eine Idee davon, welche Reaktionen kommen können und kannst dich seelisch darauf einstellen. Du kannst dir vorher zurechtlegen, was du jeweils antworten und wie du dich verhalten möchtest. Letztendlich solltest du dabei auf deinen Bauch hören. Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, hat das seinen Grund. Folge deiner Intuition. Dann kann nicht mehr viel schief gehen.

Zu diesem Thema gibt es eine wissenschaftliche Studie, allerdings leider nur auf Englisch: http://www.ejhs.org/Volume12/bdsm.htm